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15
Daß ich als Mitglied dieser Rundfunkspielschar
eigentlich ein Propagandainstrument der Nazis bediente, hat mich damals
wohl nicht mehr gestört. Ich konnte vorm Mikrophon deklamieren und
singen, außerdem konnte ich mein Taschengeld durch kleine Reportagen 'Mich traf dein fordernd Anruf ebenIch finde, dieser Vers, wohl besser als ein Gebet aufzufassen, gibt mehr Aufschluß über den nationalsozialistischen Mythos als manches dicke Buch zu diesem Thema. Hitler, der persönliche Erlöser. Die Bedeutung dieses Textes war mir damals durchaus bewußt. Ich habe ihn dennoch, wahrscheinlich recht pathetisch, wie damals Mode, deklamiert. War ich ja doch nur ein Schauspieler, der sich den Text nicht aussuchen konnte, den er zu sprechen hatte. Einmal sind wir auch mit beiden Spielscharen zu einem Treffen nach Berlin gefahren. Ich bekam so Baldur von Schirach, den Reichsjugendführer und auch den Reichspropagandaminister Josef Goebbels zu sehen. Das war wenig wichtig. Wichtig war, daß einer unserer begabtesten und engagiertesten Spielscharmitglieder zu seinem Kummer nicht mitdurfte. Wegen einer spinalen Kinderlähmung war er leicht gehbehindert. Das genügte; ein 'Krüppel' wurde nicht vorgezeigt. Das wichtigste persönliche Erlebnis dieser Reise war freilich, daß mich ein hübsches BDM-Mädchen mit den Worten: "Du da, mit dem Kußmund!" anmachte, wie man heute sagen würde. Ich war immer noch zu blöde, darauf einzugehen, doch immerhin schien ich für Mädchen interessant zu werden. Meine Abneigung gegen den Nationalsozialismus änderte sich nicht. Doch blieb man weiterhin Deutscher und als solcher empfand man weiterhin den Versailler Vertrag als Schande und die Trennung Danzigs vom Reich als Unrecht. Auch wenn wir gegen die Polen, die als Erntearbeiter, als Eisenbahnpersonal, Wochenmarktbelieferer, auch als Zoppoter Kurgäste mit uns in Berührung kamen, keinerlei persönliche Antipathien entwickelten. Für das gespaltene Bewußtsein auch derer, die in Opposition zum Nationalsozialismus standen, mag eine Familiendebatte stehen, die sich entspann, als das Saarland 1935 'Heim ins Reich' geholt wurde, wie es im Naziton hieß, sich also über neunzig Prozent der Bevölkerung für den Anschluß an Deutschland entschieden hatten. Wir als Danziger mit dem gleichen Trennungsschicksal behaftet, freuten uns mit den Saarländern. Alle Straßen, auch die in Zoppot waren reich beflaggt. Nach langem Hin und Her kauften wir uns eine Hakenkreuzfahne im Format eines kleineren Handtuches und befestigten diese an unserem Balkon. Es war das einzige mal, daß wir je geflaggt haben. Was schwebte eigentlich meinem Vater und seinen Freunden als Zukunftsvision vor, wenn die Naziherrschaft einmal überwunden sein würde? Zu unseren engsten Freunden gehörte das Ehepaar Prill. Hilde Prill, von meiner Mutter liebevoll 'die kleine Frau' genannt und von Bruder Wolfgang und mir pagenhaft verehrt; Felix Prill, Regierungsrat in der Finanzverwaltung und damals als bekennender Katholik und Zentrumsmann ohne Aufstiegschancen. Es muß so um 1940 gewesen sein, als Felix mir auf einem Spaziergang versicherte, daß für ihn und seine Freunde so eine 'Quatschbude' wie ein Parlament nicht mehr in Frage käme. Die Parteien hätten sich als unbrauchbar erwiesen, eine staatliche Ordnung aufrecht zu erhalten. Was ihm und seinen Freunden vorschwebte, war die Wiedererrichtung des vorrevolutionären Ständestaates im Sinne der päpstlichen Enzykliken 'Rerum novarum' und 'Quadragesimo anno'. Wie hieß doch ein damals noch geläufiger Abzählvers: 'Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bettelmann'. Felix Prill beendete seine Nachkriegskarriere als deutscher Botschafter in Irland. |
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